”DIE BUDDENBROOKS“

ENTWICKLUNG EINES BÜRGERLICHEN ROMANS IM 20. JAHRHUNDERT

 

Auszug des Vortrages von Nikolai Stula anläßlich der achten

Veranstaltung des Hannoverschen Bibliophilen-Abends am 10. Februar 1998

 

ENTSTEHUNG

         Thomas Mann hatte eigentlich eine vom Umfang her begrenzte Erzählung über den kleinen Hanno Buddenbrook, den ” sensitiven Spätling“ geplant, den er in einem Klima aus Wagners Musik, Schopenhauers geistreicher Resignation und Nietzsches rebellischer dècadence untergehen zu lassen gedachte. Es war zu dieser Zeit vordringlich die Psychologie des Verfalls, die Mann interessierte.

         Zunächst dachten Heinrich und Thomas Mann sogar gemeinsam daran, die Geschichte der eigenen Familie, wenigstens teilweise, literarisch zu verwerten. Doch bald schon zog Thomas Mann den Plan an sich. Eine der ersten Titelüberlegungen war bezeichnenderweise ”Abwärts“. Schon bald schien ihm aber die Namensnennung der handelnden Familie (ab Oktober 1898 verbürgt) als geeigneterer Titel für seinen Roman. Ein Herr von Buddenbrook spielt in Fontanes Effi Briest eine Nebenrolle - hier entlieh sich Thomas Mann den Namen.

         Leiden und Tod des kleinen Hanno brauchten also eine Vorgeschichte, um glaubwürdig zu sein, und aus diesen ersten inhaltlichen Konzeptionen entstand ein breit angelegter, historischer, naturalistisch geprägter Familienroman, ein Zeit- und Sittengemälde, das noch ganz dem 19. Jahrhundert anzugehören schien. Darin müssen auch die Vorbilder für diese Form der Literatur gesucht werden, die sich aber gleichwohl in der zum Vorschein kommenden Verfallspsychologie eines Friedrich Nietzsche deutlich von allen stilbildenden Vorläufern abheben.

         Nicht aus dem deutschen Sprachraum, sondern aus dem französischen (wie die Romane der Brüder Jules und Edmond Goncourt zeigen) und insbesondere aus dem skandinavischen entstammen die Vorbilder. Gerade den norwegischen Autoren Jonas Lie und Alexander Lange Kielland muß in diesem Zusammenhang besondere Bedeutung zugemessen werden, wie es Mann in einem 1940 gehaltenen Vortrag bestätigte, indem er feststellte, daß ihm ... etwas wie ein Kiellandscher Kaufmannsroman vorgeschwebt hatte ... Dessen Werke werden schon lange nicht mehr gelesen und sind heute fast vollständig vergessen: ”Schiffer Worse“, ”Garman und Worse“.

         Die Vorbereitung für seinen historischen Roman, der etwa eine Zeitspanne zwischen 1835 und 1877 umfassen sollte, ist sorgfältig, teilweise sogar pedantisch zu nennen. Immer wieder bedrängte Thomas Mann geradezu seine Familienmitglieder - denn daß seine eigene Familie das Urbild abgeben sollte, stand von vornherein fest -, ihm Informationen über die Vorfahren und Verwandten, ihre Charaktere und Lebensschicksale zu übermitteln.

         Der anfängliche Plan, der Bruder Heinrich solle den historischen Teil des Romans übernehmen, wurde bald wieder fallengelassen, denn Thomas Mann empfand diesen Teil wohl als zu unkünstlerisch und rein reproduzierend, und er widerstrebte ihm deshalb am ehesten. So stellten sich historische Ungenauigkeiten ein, wie etwa die Beschreibung der Revolutionsereignisse in Lübeck, die entgegen der Darstellung im Roman eben nicht proletarischen, sondern vielmehr kleinbürgerlich restaurativen Ursprungs waren. Es waren wohl eher die Milieustudien, die Thomas Mann interessierten, die Darstellung des niedrigen Volkes im Gegensatz zu den patrizierhaften, dekadenten Großbürgern, die ihn veranlaßten, hier so nachhaltig die Geschichte zu verfälschen.

         Ein Lübecker Onkel beantwortete Fragen über die Entwicklung der Stadt im 19. Jahrhundert, die Wirtschaft, die politischen Umstände sowie über Tracht und Gepflogenheiten der Bürger. Die Mutter steuerte Kochrezepte bei, und die Schwester Julia verfaßte einen 28 Seiten langen Bericht über das Leben der Tante Elisabeth Mann-Haag, die dann als Tony Buddenbrook die eigentliche Hauptperson des ersten Teiles sein sollte. Die Bitte der Schwester, die Informationen über die Tante doch mit der nötigen Diskretion und Vorsicht zu behandeln, ignorierte Thomas Mann natürlich geflissentlich.


INHALTLICHES

        Das Interesse am Verfall, die Auflösung der großbürgerlichen Lebensform gegen Ende des 19. Jahrhunderts, das Unvermögen, sich aus den eigenen Konventionen zu befreien, rückten, wie schon oben gesagt, während der Niederschrift immer deutlicher in den Vordergrund des Romans.

         Der Autor gestaltet quasi einen Prozeß der Entbürgerlichung. Dafür steht etwa der Einbruch der Musik in die unmusikalische hanseatische Patrizierwelt, zu der allein das schwächste Glied in der Kette der Buddenbrook-Generationen, nun bereits vollständig lebensuntüchtig, Zugang findet, sich aber schon bald in den frühen Typhus-Tod ”flüchtet.“

         Der alte Johann Buddenbrook, der die erste Generation vertritt, ist der Prototyp des tatkräftigen, zielbewußten Menschen, der die Güter dieser Welt, wie Geld und Ansehen, sehr zu schätzen weiß. Berufliche Tüchtigkeit, Diesseitigkeit und Harmonie bilden Symptome von Urwüchsigkeit und Gesundheit, während der Verfall der Familie erst mit der zweiten Generation beginnt.

         Zwar ist der jüngere Johann Buddenbrook seinem Vater als Geschäftsmann ebenbürtig, trotzdem ist er ein schwächerer Typus, sein Kopf ist, wie der Vater sagt, ”voll christlicher und phantastischer Flausen“, d.h. er ist unfähig, sich mit der Welt, wie sie ist, abzufinden und bedarf des Glaubens an ein Jenseits, um das Leben zu ertragen.

         Dessen Sohn wiederum, Thomas Buddenbrook, ist dann eine echte Dekadenzerscheinung, denn obschon er seine Vorfahren an äußerem Glanz übertrifft, ist doch die innere Unterhöhlung, der biologische Verfall unverkennbar (er stirbt bezeichnenderweise an einem kranken Zahn) - mag es ihm auch gelingen, durch elegante Selbstbeherrschung (das täglich mehrmalige Sich-Umziehen wird im Laufe des Romans fast pathologisch und zur fixen Idee) seine Dekadenz vor den Augen der Welt zu verbergen und die Rolle des ehrbaren Kaufmanns und integren Politikers fast bis zum Schluß auszufüllen.

         In seinem Sohne Hanno ist der biologische Verfall jedoch so weit fortgeschritten, daß er nicht mehr zu verbergen ist. Er ist so sensitiv, so lebensuntüchtig, ja lebensverneinend, daß die Flucht in den Tod der einzige Ausweg ist, sich den Qualen des Alltags zu entziehen.

         Charakteristisch ist das oft zitierte und in mehreren Einzeldrucken vorgelegte ”Schulkapitel“, in dem Hannos Unvermögen, in der gestrengen preußischen Erziehungsanstalt der 70er Jahre zu bestehen, dem Leser deutlich vor Augen geführt wird

                 Das Schicksal der Buddenbrooks ist nicht nur das Schicksal einer Familie, sondern einer bestimmten gesellschaftlichen Kaste überhaupt, wie im Roman an mehreren Stellen andeutungsweise beschrieben wird. Der Verfall, der die Buddenbrooks zugrunde richtet, ist also in den Kreisen der wohlhabenden hanseatischen Kaufleute eine regelmäßige Erscheinung, und gerade ihre Wohlhabenheit ist maßgeblich für den Niedergang, denn der Reichtum wie überhaupt die überzogene Bedeutung, die dem Geld zugemessen wird, schafft unnatürliche Verhältnisse. Geheiratet wird keine Frau, der man emotional zugewandt ist, sondern nur noch eine ”Mitgift“ - aus dieser Ehelüge entspringt dann im Roman die Tragikomödie der Tony. Obwohl Tony die einzige ist, die zumindest kurzfristig aus ihrem Standesdünkel ausbricht und sich ehrlich verliebt und dabei sogar ihre konservativen Gesinnungen zugunsten einer liberalen, ja fast protosozialdemokratischen Gesinnung aufgibt, scheitert sie wegen der Verpflichtung ihrer Herkunft, die beinhaltet, standesgemäß zu heiraten und damit der Familie Ehre zu machen, an einem Heiratsschwindler und Bankrotteur.

         Bei Thomas ist es nicht psychische Schwäche, sodern gerade sein Intellekt, der ursächlich für seinen Untergang ist. Sein Nihilismus, der ihn die Sinnlosigkeit alles Tuns erkennen läßt, hindert ihn daran, wie seine Vorfahren mit einer gesunden Spontaneität und wohl auch Unbefangenheit Geschäfte zu machen. Eine Entscheidung aus dem Bauch heraus kann es bei Thomas nicht geben.

         Der Nihilist, der sich von jeher zur Bejahung des Lebens hat zwingen müssen, wird schließlich der fortgesetzten Anspannung des Willens müde und gibt den Kampf schließlich auf - just in dem Moment, als er durch die Lektüre Schopenhauers sein wahres Wesen, die Ursachen für seine Zerrissenheit zu erkennen glaubt.

         Sein Tod ist schließlich nicht die Folge von Überanstrengung oder eines durch Krankheit geschwächten Organismus, sondern Folge eines durch den Geist bewirkten Erlöschens seines Lebenswillens, seines Überdrusses am Ganzen. Ganz im Sinne von Nietzsches immer wiederkehrendem Motiv von der Zerstörung des Lebens durch den Geist. Leben und Tod Thomas Buddenbrooks bilden unzweifelhaft das Zentrum des Romans, die Geschichte Hannos, die am Anfang noch so im Vordergrund des Interesses gestanden hat, bildet dagegen nur noch ein flüchtiges Nachspiel, das das endgültige Erlöschen der hochgeachteten Familie drastisch zum Ausdruck bringt.

 

EDITIONSGESCHICHTE

         Die Erstausgabe sollte im 1886 in Berlin gegründeten Verlag von Samuel Fischer erscheinen, einem Verlagsunternehmen, dem Thomas Mann sein ganzes späteres Leben aufs engste verbunden bleiben sollte, und wo sein Name zum erstenmal 1897 in einer Ausgabe der Neuen Deutschen Rundschau auftaucht, und zwar mit den Erzählungen ”Der Kleine Herr Friedemann“ und ”Der Bajazzo“.

         1898 erscheint dann als erste Buchveröffentlichung im S. Fischer Verlag ein kleiner Novellenband mit den bis dahin in der Neuen Deutschen Rundschau veröffentlichten und weiteren Erzählungen. Bereits 1897 schreibt ihm Fischer im Zusammenhang mit dieser Edition und den Honorarkonditionen des Novellenbandes in der Reihe ”Collection Fischer“:

         Ich kann Ihnen für die ”Collection“, die ich zu einem sehr billigen Preise vertreibe, ein gutes Honorar nicht anbieten; ich würde mich aber freuen, wenn Sie mir die Gelegenheit geben würden, ein grösseres Prosawerk von Ihnen zu veröffentlichen, vielleicht einen Roman, wenn er auch nicht so lang ist.

         Eine Aufforderung, die von Thomas Mann quasi als Auftragsvergabe gewertet wurde und die ihn sicherlich mit einem gewissen Stolz erfüllt hat, denn bereits wenige Wochen später bringt er seinem Freund Otto Grautoff gegenüber zum Ausdruck, ... daß von Fischer, der sich von meiner Produktion ein kleines Geschäft zu versprechen scheint, wiederholt der Wunsch geäußert worden war, ein größeres, zusammenhängendes Prosawerk zu verlegen ... (was so wohl kaum den Tatsachen entsprach).

         Von der ersten Niederschrift in Rom Ende Oktober 1897 bis zur Fertigstellung im Juli 1900 vergingen knapp drei Jahre. Am 18. Juli 1900 schreibt er wiederum an Grautoff, daß er die letzte Zeile gerade geschrieben habe und am 13. August wiederum an den Freund, wie er sich ...beim Versiegeln meines Romans, gräßlich verbrannt... habe. Schreiben kann ich ein solches Buch wohl, aber es nach Berlin zu schicken, ist eine Kunst für sich.

         Das Manuskript, welches er an Fischer schickte, umfaßte mehr als 1000 doppelseitig beschriebene Blätter. Später berichtete er in einem frühen autobiographischen Essay (”Sketch of my Life“ aus dem Jahre 1930), daß er sich ...bei der Versendung zu einer Postversicherung entschlossen hatte, weil es die erste und einzige Niederschrift war, die er nach Berlin auf den Weg brachte. Immerhin vertraute er der Post mit dem Paket gleichsam drei volle Jahre Arbeit an. Als Wertsumme gab er eintausend Mark an. Der Schalterbeamte, schrieb er, habe gelächelt ob der ungehörigen Wertangabe, die der junge Mann ihm da nannte.

         Bei seiner Emigration 1933 beließ Thomas Mann das Manuskript umständehalber in seiner Münchner Wohnung und ließ es später dem Rechtsanwalt Valentin Heins zur Aufbewahrung übergeben, in dessen Praxis es mit anderen wichtigen Dokumenten Manns in den Bombardements auf München verloren gegangen zu sein scheint.

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         Es sollte Monate dauern, bis er eine erste Reaktion des Verlages bekam. Zwar hielt sich Samuel Fischer zwischenzeitlich, auf der Rückreise nach Berlin Station machend, in München auf, um den 25jährigen Autor kennenzulernen, doch gab er bei dem Treffen an, das Manuskript noch nicht gelesen zu haben.

         Erst am 26. Oktober erhielt Thomas Mann die erste Stellungnahme des Verlagsleiters in Form eines Briefes von Samuel Fischer persönlich. Thomas Mann hielt sich seit dem 1. Oktober in der Kaserne des Leib-Infanterieregimentes auf, um sein Freiwilligenjahr abzuleisten. Zum Zeitpunkt des Eintreffens des Briefes war er im Sanitätsrevier der Kaserne untergebracht, um eine durch das Exerzieren hervorgerufene Sehnenscheidenentzündung zu kurieren. Übrigens wurde Mann bereits nach 2 1/2 Monaten auf unbestimmte Zeit vom Militärdienst beurlaubt.

         Fischer schrieb, er habe den Roman zu lesen begonnen und könne jetzt schon sagen, daß Thomas Mann ihn auf knapp die Hälfte kürzen müsse, wenn er ihn verlegen solle.

         Die schriftliche Erwiderung Thomas Manns bedauerlicherweise nicht erhalten, aber durch ein gleichzeitiges Schreiben an den Bruder Heinrich ist der Inhalt ungefähr bekannt: Er hatte Fischer ausführlich darlegt, daß der große Umfang eine wesentliche Eigenschaft des Buches sei und daß man es verpfusche, wenn man damit nach seinem Willen umgehe. Es gebe Bücher, die nichts seien, wenn sie nicht ausgiebig seien, schreibt er, und daß Kurzweiligkeit nichts mit der Länge zu tun habe.

         Und weiter nannte er Fischers Kürzungswunsch sogar ein ...Bubenstück von einer Zumuthung, über das der Verleger wohl selbst erschrocken gewesen sei. Freilich gibt er zu, daß er letztendlich bereit gewesen wäre, jeden Vertrag zu unterschreiben, der nur den Anschein wahrte, daß er die Arbeit von drei Jahren nicht einfach verschenke.
Die erste Kritik des Verlagslektors Moritz Heimann, die Samuel Fischer vorgelegt wurde, schien anfänglich noch die Befürchtungen eines wirtschaftlichen Mißerfolges zu bestätigen. Erst nach einer Aufforderung an Heimann, eine weitere Stellungnahme abzugeben, bekam er die (wohl erwünschte) positive Einschätzung des Romanwerkes.

         Trotz alledem mußte Mann noch bis zum Frühjahr des kommenden Jahres auf die erhoffte Nachricht aus Berlin warten. Zunehmend nervöser geworden, befürchtet er bereits im Dezember 1900 in einem Brief an den Bruder Heinrich, mit seinem Roman gänzlich ”sitzen zu bleiben“. Erst am 23.03.1901 schickte Fischer den Vetragsentwurf für die Publikation in zwei Bänden. Das Honorar sollte zwanzig Prozent vom Ladenpreis betragen (der mit 12 bzw. 14 Mark deutlich über dem Schnitt lag - nach heutigem Geldwert etwa mit 15 zu multiplizieren) und beinhaltete darüberhinaus eine 6jährige Option auf alle Werke Manns. Fischer schreibt an Mann (mit einem kleinen Unterton von Resignation):

         Ich weiß auch jetzt, daß sich der Umfang Ihres Werkes aus der ganzen Constitution der Arbeit und der Besonderheit Ihres Talentes nothwendigerweise ergeben hat, wenn ich auch als Verleger von diesem ungewöhnlichen Umfang nicht gerade sehr entzückt bin. Wieviele Menschen haben in der Zeit unseres Industrialismus Zeit und Sammlung ein Werk von 70-80 Bogen in sich aufzunehmen ? (...) Nun, Sie werden ja nicht immer vierbändige Romane schreiben und so kann es wohl auch ein Verleger, der sich das Ding auch immer ein wenig geschäftlich ansehen muß, mit ihnen schon wagen. Vielleicht beschämt mich das deutsche Volk und kauft Ihr Buch in solchen Massen, wie Ihr Werk es verdient.

         Trotzdem wurde Mann von Heimann im Frühjahr noch einmal zu einer Überprüfung einiger Kürzungsvorschläge veranlaßt. Es ist nicht überliefert, ob Mann auf diese Vorschläge eingegangen ist.

         Einmal berichtet Mann in seinen Tagebuchaufzeichnungen aus dem Jahre 1918, daß er mit seinem Freund Ernst Bertram anhand der Papierunterschiede die sog. ”römischen Teile“ der ”Buddenbrooks“ festzustellen suchte. In diesem Zusammenhang spricht er auch von einem ”verlorenen Kapitel“, einen Gegenstand, den er nie wieder erwähnt und von dem auch sonst nichts bekannt ist.

         Am 1. Oktober 1901 erscheint die Erstausgabe des zweibändigen Werkes in 1000 Exemplaren. Die Ausstattung war unbeschnittene Broschur bzw. Leinwand mit Jugendstildekor nach A. Schäffer.

         Der Verkauf war erwartungsgemäß schleppend und die Befürchtungen des Verlegers schienen sich zunächst zu erfüllen, zudem hatte niemand große Lust, für das ungefüge Produkt eines obskuren jungen Verfassers so viel Geld anzulegen. Die Kritik fragte mißgelaunt, ob etwa die mehrbändigen Wälzer wieder Mode werden und verglich den Roman mit einem im Sande mahlenden Lastwagen. Ein Jahr brauchte es, die Startauflage abzusetzen.

         Dabei kam auch aus berufenem Kollegen-Munde positive Kritik, wie etwa die Besprechungen von Rilke, Franz Blei, Otto Julius Bierbaum und Richard Schaukal zeigen. Doch überließ der junge Autor die Reaktion der sog. Öffentlichkeit nicht dem Zufall bzw. der Willkür der Kritiker. Freunde, die über eine Feder verfügten, wurden nicht eben sanft ermuntert, diese für ihn und sein Buch zu nutzen.

         Als sein enger Freund und literarischer Gefährte der frühen Münchner Jahre eine Besprechung des Romans in den Münchner Neuesten Nachrichten und dem Hamburger ”Lotsen“ ankündigte, wurde diese von Thomas Mann fast gänzlich souffliert.

         Und der gehorsame Grautoff hielt sich in der Rezension auch fast wörtlich an die Vorgaben des Autors.

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         Dringlichen Ratschlägen folgend, veranstaltete Fischer Anfang des Jahres 1903 eine einbändige Ausgabe von 2000 Exemplaren auf Dünndruckpapier, mit der biedermeierlichen Umschlagzeichnung von Wilhelm Schulz, die den Leser schon vor Beginn der eigentlichen Lektüre anhand einer Straßenansicht in das Lübecker Milieu des 19. Jahrhunderts einführt. Nun setzte ein unglaublicher Erfolg des Romans ein.

         Noch im selben Jahr erschienen vier weitere Auflagen mit insgesamt 11.000 Exemplaren. Schon 1910 erschien eine Sonderausgabe zur 50. Auflage der Buddenbrooks und neun Jahre später war das erste 100.000 voll. 1929 (im Jahr der Nobelpreisverleihung, die ausdrücklich für die Buddenbrooks ausgesprochen wurde) betrug die Auflage 185.000 Exemplare.

         Vielleicht war es die anfängliche Unsicherheit in der konzeptionellen Steuerung, die Eigendynamik, die sich aus dieser Absichtslosigkeit entwickelte, die dem Buch seinen besonderen und nie wieder erreichten Charakter gab.

         Bücher haben ihren eigenen Willen, der mit den Absichten ihres Autors oft keineswegs zusammenfällt..., sagte Mann einmal und daß ”Buddenbrooks“ unter seinen Büchern wohl die größte Chance haben würden, in der Nachwelt zu bestehen.

         Doch trotz des unglaublichen Erfolges, nicht überall war man froh über diesen Erfolgsroman. Nach dem Erscheinen des Buches erhob sich in Lübeck ein Proteststurm, der sich trotz oder gerade wegen des Erfolges der Buddenbrooks nur langsam wieder beruhigte - und um sich dann später in das Gegenteil zu verkehren.

         Die Personen, die sich in dem Buch erkannt hatten - gerade die, welche in dem literarischen Abbild nicht eben positiv weggekommen waren (etwa der Lübecker Pastor Ranke = Pastor Pringsheim, der die Familie Mann ”verrottet“ genannt hatte) - waren entrüstet. Sogenannte Entschlüsselungslisten begannen zu kursieren.

         Insbesondere der Onkel Friedrich Wilhelm Leberecht Mann, der das Urbild des sog. Suitiers (Lebemann) Christian Buddenbrook darstellte, erregte sich noch ein gutes Jahrzehnt nach Erscheinen des Buches so sehr über die Kennzeichnung, die ihm als der liebenswürdig-trottelhafte ”Onkel Christian“ widerfahren war, daß er sich durch eine Zuschrift an die ”Lübeckischen Anzeigen“ lauthals beschwerte:

         Es sind mir im Laufe der letzten 12 Jahre durch die Herausgabe der ”Buddenbrocks“ [sic], verfaßt von meinem Neffen, Herrn Thomas Mann in München, dermassen viele Unannehmlichkeiten erwachsen, die von den traurigsten Konsequenzen für mich waren (...) Ich sehe mich deshalb veranlaßt, mich an das lesende Publikum zu wenden und dasselbe zu bitten, das oben erwähnte Buch gebührend einzuschätzen. Wenn der Verfasser der ”Buddenbrocks“ [sic] in karikierender Weise seine allernächsten Verwandten in den Schmutz zieht und deren Lebensschicksale eklatant preisgibt, so wird jeder rechtdenkende Mensch finden, daß dieses verwerflich ist. Ein trauriger Vogel, der sein eigenes Nest beschmutzt.

         Andere verglichen das Buch mit den (Mach-)Werken des Kolportageschriftstellers Fritz von der Kyrburg, der unter dem Namen ”Leutnant Bilse“ firmierte. Ein Vergleich gegen den sich Mann empört zur Wehr setzte, und in dem glänzenden, 1906 in den Münchner Neuesten Nachrichten in zwei Teilen erschienenenen Essay ”Bilse und ich“ (als Buchausgabe bei Bonsels eine der seltensten Erstausgaben) verwies er auf seine künstlerische Freiheit und daß ihm unter der Sonne Roms nichts so fern gewesen sei, wie seine nordische Heimatstadt.

         Doch bis Mitte der 20er Jahre verhielt man sich in Lübeck Thomas Mann gegenüber eher skeptisch, und erst mit seiner vielbeachteten Rede zum 700. Gründungsjahr der Stadt am 5. Juni 1926, in der er unter dem Titel ”Lübeck als geistige Lebensform“ die Entstehung der Buddenbrooks im Zusammenhang mit seiner besonderen Herkunft und Verbundenheit mit Lübeck referierte, versöhnte man sich und ging bald schon zu einer großen Verehrung des bedeutenden Sohnes der Hansestadt über.

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         Seit 1922 erschien der Roman zwar neben der Einzelausgabe auch in verschiedenen Gesamtausgaben, doch es fehlte nach wie vor eine im eigentlichen Sinne des Wortes ”bezahlbare“ Volksausgabe. Pro Jahr konnten regelmäßig ”nur“ etwa 6000 Exemplare der teuren 17-Mark Ausgabe verkauft werden. Diesen Mißstand schien man bei S. Fischer nicht zu bemerken, doch der geschäftstüchtige Verleger Adalbert Droemer, der Leiter des Leipziger Verlages Th. Knaur, witterte die Verdienstmöglichkeit, die eine billige Ausgabe der ”Buddenbrooks“ unzweifelhaft bot. Im August 1929, wenige Monate vor Verleihung des Nobelpreises, trat er an Thomas Mann heran und bot ihm ein Honorar von 100.000 RM für eine billige Sonderausgabe in einer Auflage von einer Million Exemplaren, die zum für damalige Verhältnisse sensationellen Preis von 2,85 RM verkauft werden sollte. Obwohl Thomas Mann persönlich nach Berlin fuhr (er hatte sich just in Nidden an der Kurischen Nehrung ein Grundstück gekauft, wo er ein Ferienhaus bauen wollte und dem zusätzlichen Verdienst natürlich nicht abgeneigt war), um von Fischer die Zustimmung für die Lizenzübertragung bzw. eigene Edition einer Volksausgabe einzuholen, weigerte dieser sich strikt, das Unternehmen zu wagen, obwohl sein seit 1925 im Verlagshaus tätiger Schwiegersohn Gottfried Bermann-Fischer die Kalkulation solcher Großauflagen (im Zusammenhang mit der nicht zustandegekommenen Edition von Remarques ”Im Westen nichts Neues“) vorbereitet hatte. Sein Widerstand gegen diese Volksausgabe, der auch zum heftigen Streit mit dem Schwiegersohn führte, grenzte an Starrköpfigkeit. Das Argument, den Roman nicht verramschen zu wollen, war nicht zeitgemäß. Letztendlich führten der Druck des Autors und das eindringliche Zureden der wichtigsten Großhändler dazu, daß Fischer schließlich nachgab.

         Auf die Ankündigung einer Volksausgabe der ”Buddenbrooks“ setzte solch ein Hagel von Bestellungen ein, daß schon bald die Verteilung rationiert werden mußte. Bereits nach zwei Monaten, im November 1929, waren 250.000 Exemplare ausgeliefert, im Dezember 450.000 und ein Jahr später das 980. bis 1165. Tausend. Bermann-Fischer selbst schreibt in seinen Erinnerungen, daß er sich gar nicht mehr an die Anzahl der Druckereien erinnern könne, die die Ausgabe hergestellt und wie viele Großbindereien in Leipzig nichts anderes als die ”Buddenbrooks“ gebunden haben. Weiter berichtet er, daß man die Matern mit Flugzeugen von Leipzig nach abgelegenen Druckorten in der Provinz geflogen habe (zu dieser Zeit eine noch durchaus ungewöhnliche Transportmethode), um den Anforderungen nachzukommen. Die Autokolonne von vierzig Lastwagen, die allein die Berliner Buchhandlungen am Erscheinungstag beliefert haben, war in allen Illustrierten als Sensation abgebildet.

         Der Erfolg dieser Sonderausgabe löste im Buchhandel und weit darüber hinaus die Diskussion aus, wie weit man der finanziell schwachen Bevölkerungsschicht, deren Interesse an moderner und klassischer Literatur aber stetig im Wachsen begriffen war, mit der Edition billiger Sonderausgaben und Ausgabenreihen entgegenkommen müsse.

         Erst diese massenhafte Verbreitung der ”Buddenbrooks“ führte dazu, dem Roman den Status eines ”Deutschen Hausbuches“ zu geben, und er wurde zur Pflichtlektüre jedes Deutschen, gleich welcher Herkunft, Bildung und sozialer Stellung. Prämienausgaben erschienen, und bekam man im 19. Jahrhundert noch eine Bibel oder ein Gesangbuch, so wurde jetzt eine Ausgabe der ”Buddenbrooks“ überreicht.

         Ein Buch einte quasi die Massen.

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        Folgt man der 1992 erschienenen, sehr ausführlichen Bibliographie von Georg Potempa und berücksichtigt dazu die Ausgaben bis zur neusten Zeit, so sind insgesamt 18 Originalausgaben des Fischer-Verlages und weitere 31 Lizenzausgaben erschienen. Nach dem Zweiten Weltkrieg edierte der S. Fischer Verlag den Roman innerhalb der Stockholmer Gesamtausgabe und als verbilligte Sonderausgabe, die Gesamtauflage beträgt bis dahin bereits 2.750.000 Exemplare. Ab 1960 kam eine Taschenbuchausgabe mit 150.000 Exemplaren dazu, und seit den frühen 50er Jahren wurde der Roman in das Programm sämtlicher deutschsprachiger Buchclubs übernommen, erfuhr dort eine zusätzliche Auflage von insgesamt etwa 700.000 Exemplaren.

         Die Gesamtauflage allein im deutschsprachigen Raum wird die 6 Millionengrenze bald erreicht haben. Darüber hinaus wurde der Roman in 30 Sprachen übersetzt (zuletzt 1970 in Cuba), deren Gesamtauflage ebenfalls etwa 1 Million Exemplare betragen dürfte. Bereits 1902 war Samuel Lublinski der erste, der den wirklichen Wert des Buches erkannte und eine geradezu prophetische Rezension im Berliner Tageblatt veröffentlichte: ... dieses Buch wird wachsen mit der Zeit und noch von Generationen gelesen werden, eines jener Kunstwerke, die wirklich über den Tag und das Zeitalter erhaben sind, die nicht im Sturm mit sich fortreißen, aber mit sanfter Überredung allmählich und unwiderstehlich überwältigen.

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ANMERKUNGEN ZU DEN EINZELNEN AUSGABEN

         Einband der Erstausgabe der fest gebundenen Ausgabe in blauer, brauner oder grauer Leinwand von A. Schäffer (durch falsche Angaben in der Bibliographie Hans Bürgins wurde lange Zeit Otto Eckmann als Gestalter der Umschlagzeichnung genannt). Der Einbandentwurf wurde auch für ein weiteres Werk Thomas Manns (Tristan 1903) verwendet und für Veröffentlichungen anderer Autoren genutzt.

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Neben der einbändigen Ausgabe mit der Zeichnung von Wilhelm Schulz erschien seit 1906 wieder eine zweibändige (Luxus-)Ausgabe in sehr kleiner Auflage, in braunes oder schwarzes Ganzleder gebunden, mit dreiseitigem Goldschnitt versehen und einem goldgeprägten, selten verwendeten Verlagszeichen als Deckelvignette, das auf einen Entwurf von Emil Rudolf Weiß aus dem Jahre 1904 zurückgeht.

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         Im Jahre 1910 erschien als 50. bis 51. Tausend die erste Jubiläumsausgabe in zwei Bänden. Gedruckt wurde auf feingeripptes sog. ”Amerikanisches Alexandrapapier“ (ein leichtes Maschinenbütten) in der Unger-Fraktur. Es erschien eine Ganzleder- sowie eine in Leinen gebundene Ausgabe. Die Gestaltung der Ausgabe in Leinwand sowie der Titelvignette übernahm Karl Walser, der besonders mit den Gestaltungen für den Insel-Verlag hervorgetreten war und just ein Jahr zuvor die Einbandzeichnung für die Erstausgabe von ”Königliche Hoheit“ ausgeführt hatte, gegen den Willen des einflußreichen Verlagslektors Moritz Heimann, der noch 1909 an Fischer schrieb, daß ...so reizvoll sein etwas mutiges Gekrissel an sich ist, mit dem Begriff Jubiläumsausgabe wird es nicht gut konstrastieren.

         Die Einbandzeichnung wurde für eine zweibändige Sonderausgabe in den frühen Zwanziger Jahren noch einmal verwendet.

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         Zur Gestaltung der 100. Auflage, die im Mai 1919 ausgegeben wurde, zog man Emil Preetorius heran, der mit Thomas Mann freundschaftlich verbunden war.

         Die Ausgabe erschien in einer Auflage von 210 Exemplaren, teils auf handgeschöpftem Zanders-Bütten, teils auf surrogatfreiem Papier, von denen 200 in der Verkauf gelangten (laut Tagebuch hat Thomas Mann jedoch 260 Bögen signiert). Bereits vier Wochen später ist diese Luxusausgabe durch Vorbestellungen vergriffen.

         Preetorius greift erstmalig das Motiv des Verfalls in seiner Gestaltung der beiden verschiedenen Doppeltitel auf. Während im ersten Band ein junger Baum im hellen Tageslicht der Sonne zustrebt, verdunkelt sich im zweiten Band der Himmel, und Sturm schüttelt das Laub vom Baum herunter. Vier Gestalten mit Insignien des Handels und der Schiffahrt sind ein Hinweis auf Ort und Stand der Erzählung.

         Preetorius gibt uns im Titelblatt selbst den Hinweis auf den Ursprung dieser Gestaltungs-Metapher. In den vier Medaillons im Titelblatt zitiert er verkürzt eine Strophe aus dem VI. Gesang von Homers Ilias. Dieser lautet vollständig (nach der Stolbergschen Übersetzung):

                 Siehe wie Blätter des Waldes, so sind der Menschen Geschlechte,
                 diese schüttelt herunter der Wind, und wieder entsprossen
                 andre grünenden Zweigen in lieblichen Tagen des Lenzes,
                 so die Menschen, dieser entstehet, jener geht unter.

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         In der Volksausgabe von 1929 wird für den Schutzumschlag wieder die Einbandzeichnung von Schulz verwendet, in einer freien Adaption von Wilhelm Wagner. Der Leineneinband selbst ist nur typographisch gestaltet.

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         1951 erscheint zum Jubiläum anläßlich des 50. Jahres des Erscheinens eine Sonderausgabe innerhalb der Stockholmer Gesamtausgabe, von der 300 numerierte Exemplare in Ganzleder gebunden und vom Autor signiert wurden (neben der 100. Auflage und der Vorzugsausgabe innerhalb der Gesammelten Werke ist dies die dritte signierte Ausgabe der Buddenbrooks).

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         Nach dem Krieg bringt nun auch die DDR eine Vielzahl von Buddenbrooks-Ausgaben, die allerdings gemäß der Auflage des Lizensgebers, dem S. Fischer Verlag, nicht in Westdeutschland verkauft werden dürfen. Erst 1974 erscheint im Verlag ”Neues Leben“ die erste vollständig illustrierte Ausgabe, mit Zeichnungen von Paul Rosié, die bis jetzt auch die einzige geblieben ist.

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