VORWORT DES SAMMLERS


         Wie bei zahlreichen Freunden und Sammlern der Werke von Thomas Mann stand ursprünglich das Interesse an dem Roman Buddenbrooks im Vordergrund. Anfänglich aus reiner Affinität zu einer der wohl wichtigsten und bekanntesten Prosa-Arbeiten des 20. Jahrhunderts, die bereits in den frühen 30er Jahren zu einer Art "Deutschem Hausbuch" avanciert war, entstand eine Spezialsammlung aller erreichbaren deutschsprachigen Ausgaben. Bestärkt durch die zahlreichen Unrichtigkeiten, etwa hinsichtlich der Drucklegung, künstlerischen Ausgestaltung etc., die in Antiquariatskatalogen, aber auch in verschiedenen bibliographischen Werken kolportiert werden, war es spannend, diese Angaben mittels Autopsie in der eigenen Sammlung überprüfen zu können. Mittlerweile sind mehr als 70 Einzelausgaben, darunter sämtliche vom S. Fischer-Verlag ausgegebenen Sonder- und Vorzugsausgaben der Buddenbrooks vorhanden.

         Eine Besonderheit in der Buddenbrooks-Sammlung stellt ein Exemplar der sogenannten Buddenbrooks-Suite Aus einem alten Patrizierhause des neuromantischen Komponisten und Schriftstellers Walter Niemann dar, von der Thomas Mann laut Tagebüchern selber nur Auszüge bekannt waren [1]. Der bibliographisch unbekannte Druck der Leipziger Edition Peters entstammt dem Nachlaß Gottfried Bermann-Fischers. Nach der zeitweiligen Beschlagnahmung und Verbringung in die österreichische Nationalbibliothek gelangte das Exemplar nach der Rückkehr des Verlegers aus dem Stockholmer Exil in seinen Besitz zurück.

        Bald erstreckte sich das sammlerische Engagement auf das gesamte Œuvre Thomas Manns, in seiner ganzen Breite und editorischen Vielfalt der Jahre 1899 bis ca. 1970.

        Als ein weiterer Schwerpunkt der Sammlung müssen hier vordringlich die frühen Gesamtausgaben des Dichters angesehen werden, so die Gesammelten Werke in Einzelausgaben, welche bei S. Fischer in Berlin und Bermann-Fischer in Wien zwischen 1922 und 1936 erschienen sind. Von den insgesamt 5 Einbandarten (Broschur, Halbleinen, Leinen, Halbleder und Ganzleder) - von denen Potempa offensichtlich nur vier bekannt waren - mit insgesamt 56 Varianten sind 38 in der Sammlung vertreten [2]. Sodann die Stockholmer Gesamtausgabe (mit einer allen Bibliographien unbekannten broschierten Ausgabe der Lotte in Weimar), innerhalb derer auch zahlreiche Bände mit den Original-Umschlägen vorhanden sind. Bei den späteren Gesamtausgaben können die Vorzugsdrucke der 1956 im (Ost-)Berliner Aufbauverlag sowie die 1974 bei S. Fischer erschienene Werkausgabe hervorgehoben werden.

Die Erstausgaben Thomas Manns sind bis auf wenige Ausnahmen sämtlich vorhanden; viele Ausgaben liegen doppelt vor, da auch hier versucht wurde, möglichst viele der originalen Schutzumschläge zu erlangen [3].

        Neben zahlreichen besonderen und limitierten Ausgaben, darunter eine auf größerem Papier gedruckte Erstausgabe des Doktor Faustus (StGA), die aus dem Besitz des Verlegers Gottfried Bermann-Fischer stammt und verlagsseitig in Halbleder gebunden wurde, finden sich 16 vom Dichter eigenhändig signierte Vorzugsdrucke in der Sammlung, darunter eine der in den Vereinigten Staaten hergestellten sogenannten Copyright-Ausgaben (Der Erwählte - 60 Ex.) Weiterhin sind mehrere Widmungsexemplare vorhanden, mit Widmungen an seine italienische Übersetzerin Lavinia Mazucchetti, an Alberto und Virginia Mondadori, die Kinder seines Mailänder Verlegers, an Dr. Dieter Cunz sowie an den Publizisten Curt Riess.

        Als ein wahrhaftiges Rarissimum könnte man ein Buch aus der Bibliothek Thomas Manns bezeichnen, das nach seiner Emigration mit vielen anderen Bänden in dem Wohnhaus der Manns in der Poschingerstraße beschlagnahmt worden war und Eingang in das Hauptstaatsarchiv der NSDAP (Stempel) gefunden hatte. Es handelt sich um ein Exemplar des Dramas Die Hölle von Jasnaja Poljana aus dem Jahr 1927, das auf dem Vorsatzblatt eine Widmung des Autors Georg Feichtinger an Thomas Mann trägt.

        Aufgrund des gesetzten Sammlungsschwerpunktes, deutschsprachige Drucke in möglichst vielen Varianten zu vereinen, existieren nur wenige Briefe von Thomas Mann im Bestand. Einer der Briefe könnte jedoch durchaus von einiger Bedeutung für die Forschung sein. Er liegt einer Ausgabe der Novelle Unordnung und frühes Leid aus dem Besitz von Hermann Möller bei, dessen Volkslieder Thomas Mann für seine Novelle als Inspirationsquelle genutzt hat und dessen Namen er, dichterisch adaptiert in Volksliedermöller in der Novelle verewigt hat. Überdies hat Möller in das Exemplar einen Personenschlüssel geschrieben, wie man dies bereits aus den frühen Buddenbrooks-Ausgaben kennt.

        Als ein für die Forschung und für eine weitergehende Auswertung der Sammlung nicht unwichtiger Punkt bleibt die Provenienz einer ganzen Anzahl von Primär- und Sekundärausgaben aus dem Nachlaß der Nürnberger Buchhändlerin Ida Herz zu nennen, die dank eines findigen Berliner Antiquitätenhändlers vor einigen Jahren aus einem Londoner Antiquariatskeller geborgen werden konnten. Herz war eine leidenschaftliche Sammlerin aller erdenklichen Thomas Mann betreffenden Unterlagen und Kuriosa, und der Autor selbst fügte ihrer Sammlung im Laufe der Jahrzehnte einiges hinzu. Später fühlte er sich jedoch oftmals von ihrer Passion und Zudringlichkeit verfolgt.

        Ida Herz, die Deutschland 1938 verlassen mußte, rettete diese Sammlung nach London und übergab später große Teile davon der ETH Zürich - unter anderem das bislang einzig bekannte Exemplar der von dem jungen Thomas Mann herausgegebenen Schülerzeitung Frühlingssturm.

        Die Bücher - von dem englischen Antiquar kaum beachtet und ebenso wenig adäquat gelagert - zeugen nicht nur von einem intensiven Gebrauch durch die Sammlerin, sondern leider auch von einem wechselvollen Schicksal. Einige dieser Bücher weisen einen Besitzeintrag von Herz oder Marginalien von ihrer Hand auf.

        Weiterhin sei noch ein Zeugnis der frühen Thomas Mann-Verehrung in der ehemaligen DDR erwähnt; es handelt sich dabei um eine in nur 15 Exemplaren gefertigte Mappe, die aus Anlaß der Gründung des Thomas-Mann-Archivs am 15.05.1955 in Weimar hergestellt worden ist. Sie enthält neben einer photomechanisch hergestellten Kopie der Faksimile-Ausgabe Die Betrogene zehn Photographien von Porträtdarstellungen Thomas Manns, die in verschiedenen künstlerischen Techniken angefertigt worden sind, weiterhin eine großformatige Originalphotographie, die Thomas Mann bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Friedrich Schiller-Universität Jena im Weimarer Schloß zusammen mit Wolfgang Steinitz zeigt.

        Auch wenn es sicherlich der Wunsch eines jeden Sammlers ist, daß seine Kollektion, die er mit großem Engagement und mit Leidenschaft zusammengetragen hat, in ihrer Vollständigkeit erhalten bleibt, so ist es doch zumeist ihr Schicksal, in alle Winde verstreut zu werden.

        Dem Unterzeichner selbst bleibt die Hoffnung, daß die Bücher in gute und sachkundige Hände übergehen werden, andere Bestände bereichern und abrunden und mit derselben Aufmerksamkeit bedacht werden, wie er sie seinen ”Schätzen“ jahrelang selbst entgegengebracht hat.

        Letztendlich wird die imaginäre, die ”unsichtbare Sammlung“, um mit Stefan Zweig zu sprechen - insbesondere Dank der Existenz dieses schönen Kataloges - dem Sammler immer bleiben und ihn an die schönen Stunden und Erlebnisse mit Thomas Mann erinnern.

        
Hannover, im Juli 2001        Nikolai Stula

 


[1] Vgl. Tagebücher 1933/34, S. 275

[2] Vgl. Georg Potempa, Thomas Mann - Das Werk, Morsum 1994. Die Originalbroschuren waren Potempa nicht bekannt. Diese sind in der Tat sehr selten, da die Bücher häufig von ihren Besitzern mit Privateinbänden versehen wurden. Bemerkenswert ist neben der vielfältigen typographischen Gestaltung der Einbände eine Variante des von K.E. Mende entworfenen Leier-und-Bogen-Signets, welches sich auf der broschierten Ausgabe von Rede und Antwort findet.

[3] Es fehlt an substanziellen Erstausgaben: Der Tod in Venedig 1912 (Hundertdruck); Herr und Hund 1919 (120 Ex. für den SDS).